Der Leopoldstädter Tempel

DER LEOPOLDSTÄDTER TEMPEL

Seit 1997 befindet sich das Psychosoziale Zentrum ESRA an jenem Ort, an dem bis 1938 die einst größte Synagoge Österreichs gestanden war. Da der Stadttempel in der Seitenstettengasse zu klein geworden war, erteilte Kaiser Franz Joseph 1854 die Genehmigung für den Bau einer weiteren Synagoge in der Leopoldstadt. Der sogenannte „Große Leopoldstädter Tempel“ wurde 1858 feierlich eröffnet und bot über 3.500 Menschen Platz. Architekt war Ludwig von Förster, der auch die Große Synagoge in Budapest entwarf. In den beiden vierstöckigen Seitentrakten des Tempels waren religiöse, wissenschaftliche und pädagogische Einrichtungen untergebracht, darunter die berühmte Israelitisch-Theologische Lehranstalt, an der Rabbiner und jüdische Religionslehrer ausgebildet wurden, das Beth Hamidrasch oder das Archiv und die Bibliothek der Israelitischen Kultusgemeinde.

Während des Novemberpogroms wurde auch der Leopoldstädter Tempel am Morgen des 10. Novembers in Brand gesteckt und zerstört. Die beiden Seitentrakte blieben zunächst erhalten, aber alle Einrichtungen wurden geschlossen und geplündert. 1941 richtete die Israelitische Kultusgemeinde im rechten Seitentrakt ein Kinderspital, ab 1942 im linken Seitentrakt ein Kinderheim ein. Diese waren bis 1945 die einzigen Institutionen, in denen jüdische Kinder noch eine letzte, oft jedoch nur vorübergehende Zuflucht fanden. Viele der Kinder wurden direkt von hier aus in die Vernichtungslager deportiert und ermordet.

Heute ist nur noch der linke Seitentrakt erhalten. Vier weiße Säulen, die vom Architekten Martin Kohlbauer 1998 im Original-Maßstab gestaltet wurden, verweisen auf die beeindruckenden Dimensionen der einstigen Tempelfassade. Am Zaun zur Tempelgasse informiert ein Memorial mit Bild-Texttafeln in Deutsch und Englisch über die Geschichte dieses Ortes, der bis 1938 ein wichtiges Zentrum jüdischen Lebens in Wien war.